Haben wir uns nichts mehr zu sagen?

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Seitdem wir durch Argentinien und Chile reisen sind wir öfter in Städten. Die Preise für Lebensmittel sind deutlich geringer als in Nordamerika bzw. Neuseeland. Aus diesem Grund gehen wir 1-2 x in der Woche essen dabei ist uns etwas aufgefallen, was ich in diesem Beitrag schildern möchte. Mich persönlich interessiert dabei vor allem ein aktueller Vergleich zu Deutschland. Aus diesem Grund würde ich mich sehr über Kommentare mit Erfahrungen und Augenzeugenberichten freuen.

Wenn wir in Argentinien/Chile ein Café für eine Kuchenleckerei aufsuchen oder in einem Restaurant zu Abend essen ist uns aufgefallen, dass die anderen Gäste meist eine ganz spezielle Körperhaltung haben. Der Blick ist schräg nach unten gerichtet und die Hand gewinkelt etwas nach vorne gestreckt. Der Blick ist auf den Bildschirm des Smartphones gerichtet.

Egal zu welcher Uhrzeit, egal ob zu zweit oder als komplette Familie. Sobald der Hintern den Restaurant-Stuhl berührt ist das Smartphone in der Hand und wird munter bedient.

Zwei Frauen sitzen sich gegenüber reden nicht miteinander. Bei der einen kann ich direkt aufs Smartphone schauen, so dass ich beobachten kann wie sie in Facebook munter durch verschiedene Fotos scrollt, Kommentare schreibt, etc. Bei der anderen sehe ich die Spiegelung in der Scheibe. Sie ist am Nachrichten schreiben. Sie tippt und tippt und tippt. Das Essen kommt. Nichts ändert sich. Lediglich als der Akku der Facebook-Frau schwächelt ändert sich ihr Verhaltensmuster: die Powerbank wird aus der Handtasche geholt und angeschlossen. Jetzt geht das Facebook-Gespiele weiter, mit der anderen Hand führt die Gabel das Essen zum Mund, welcher die Nahrung zerkleinert. Kein Wort kommt über ihre Lippen.

Anderer Tag, anderer Ort. Eine Familie nimmt am Nachbartisch platz. Fünf Personen zücken fast zeitgleich ihr Smartphone und die Finger werden geschwungen. In die Speisekarte brauchen sie nicht zu schauen, sie wissen auch so was sie wollen oder vielleicht haben sie es online über ihr Smartphone nachgeschaut. Lediglich die Aufgabe der Bestellung stoppt für Sekunden die flinken Finger am Smartphonebildschirm. Danach geht es weiter und auch das Essen wird parallel zum Smartphonegebrauch eingenommen. Als sie aufgegessen haben verlassen Vater, Mutter und ihre drei Kinder das Restaurant wieder. Sie hatten sich nichts zu sagen.

Sehr oft beobachten wir dieses Verhalten und es ist kein Exoten-Tisch im Restaurant, an dem dieses digitale Gebaren stattfindet. Es ist eher die Regel als die Ausnahme.

Zuletzt, bei unserer 5-monatigen Reise durch Nordamerika, waren wir eher selten Gast in einem Restaurant deshalb fehlt uns hier ein Eindruck/Vergleich. Deshalb wende ich mich mit diesem Blogpost und der Fragestellung nach Deutschland „Wie ist es so in der Heimat? Findet im Restaurant noch Kommunikation von Angesicht zu Angesicht statt oder wird nur noch gechattet und in Facebook gesurft und man hat sich nichts mehr zu sagen?“ Ich freue mich über eure Kommentare.

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Die Natur hat mich schon immer interessiert. Unabhängig vom Alter verbrachte ich gerne Zeit draußen. Dies hat sich bis heute noch gesteigert denn ich übernachte gerne im Zelt in der Wildnis und versuche die Schönheit der Natur mit der Kamera einzufangen.

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9 Antworten

  1. Markus
    | Antworten

    Das gibt es natürlich auch in Deutschland. Immer häufiger, Generationsunabhängig. Die Verlockung ist groß, das Verhalten aber mehr als unhöflich.
    Allein das Handy auf den Tisch zu legen verstößt gegen alle Arten des guten Benehmens, vermittelt es doch der Begleitung, dass die Erreichbarkeit wichtiger ist.
    Bei uns gilt: kein Smartphone beim Essen.

    • Thomas
      | Antworten

      Hallo Markus,

      als unhöflich würde ich es nur gegenüber einer Person empfinden, die nicht am Smartphone beschäftigt ist. Aber wenn jeder die Technik in der Hand hat …

      Was ich nicht verstehe ist warum diese Personen überhaupt gemeinsam Essen gehen? Ich mein‘ sie könnten auch getrost zu Hause in den eigenen vier Wänden sitzen und während dem Essen am Smartphone daddeln. Aber warum extra dafür mit anderen in ein Restaurant oder Café gehen? Will ich nicht begreifen.

      Ich würde noch einen Schritt weiter gehen: nicht die Erreichbarkeit ist wichtiger als die Begleitung, sondern die digitalen (Kommunikations-)Möglichkeiten mit ihren vermeintlichen Neuigkeiten. Es ist schlimmer vermeintliche Neuigkeiten z.B. in Facebook zu verpassen, als die Wichtigkeit an der aktuellen realen Kommunikation mit der Begleitung teilzunehmen.

      Viele Grüße aus der Wüste mit Anschluss ans digitale Netz

      Thomas

  2. Ralf
    | Antworten

    Hallo,

    so extrem habe ich das noch nicht wahrgenommen, vor allen Dingen nicht, wenn eine ganze Familie unterwegs ist. Da ist mal einer dabei, der auf dem Smartphone klimpert und das auch nicht ständig. Auf einem Geburtstag ist mir das mal sehr unangenehm bei einem jungen Mann aufgefallen. Der kam, sagte guten Tag und war danach nur noch mit seinem Handy beschäftigt. Bei der Verabschiedung hat er noch ein „Auf Wiedersehen“ rausgebracht und das war schon fast alles, was man von ihm mitbekommen hat. Mich regt das auf, wenn die Leute mit dem Gerät am Ohr auf der Straße unterwegs sind und kaum auf den Verkehr achten. Ich hätte dieses Phänomen eher den jüngeren Leuten zugeordnet, dsss ganze Familien davon betroffen sind, habe ich hier in dem Maße noch nicht erlebt.

    Viele Grüße aus der Heimat und weiterhin viel Spaß

    Ralf

    • Thomas
      | Antworten

      Hallo Ralf,

      das Handy am Ohr während sie gleichzeitig am Straßenverkehr teilnehmen haben wir nur ganz stark in Nordamerika wahrgenommen.

      Bin mal gespannt wie es sein wird wenn wir wieder in der Heimat sind … Vielleicht klimpert dann der erste bereits am iPad Pro im Restaurant während dem Essen rum …

      Viele Grüße aus Vicuña

      Thomas

  3. Gisela Kluczyk
    | Antworten

    Hi, wir haben uns irgendwo in Neuseeland getroffen. Macht nix, wenn ihr euch nicht erinnert. Ich verfolge eure Reiseberichte weiterhin (und genieße sie!).Ich kann über Deutschland nichts berichten, aber über meine Erfahrung im Jahr 2000 in einem Restaurant in Mexiko, als es noch keine Smartphones aber Fernseher gab: Es lief der Fernseher mit einem Kampf der Wrestlers und zwar in ohrenbetäubender Lautstärke. An Unterhaltung war nicht zu denken. Wenn schon nicht geredet wird, da wäre mir das Smartphone doch lieber. Aber grundsätzlich habt ihr natürlich Recht. Sorry, wenn’s nicht zur Frage passt. Euch weiterhin viele spannende Abenteuer!

    • Thomas
      | Antworten

      Hallo Gisela!

      Wir haben uns südöstlich von Christchurch getroffen, den genauen Ort kann ich ohne unser Tagebuch leider nicht benennen. Aber wir erinnern uns sehr gut an Dich. 🙂

      Deine Anmerkung zu der Sache mit dem Fernseher finde ich interessant, denn auch uns ist dies in Argentinien/Chile aufgefallen. Nahezu immer und überall läuft die Flimmerkiste. Allerdings nicht so ohrenbetäubend wie von Dir zu Mexiko beschrieben und gegen das Smartphone – welchem alle Aufmerksamkeit gilt – kommt der TV nicht an.

      Viele Grüße

      Thomas

    • Marion
      | Antworten

      Hey Thomas,
      im Smartphone kannman sich so herrlich hinter seinen Mauern austoben. Bei einer realen Person, direkt gegenüber, greifbar….die Mauer könnte entdeckt, ja geentert werden. Wer will das schon Heutzutage. Auch Schwäche zeigen, menschlich sein das ist out! Im Netz kann jeder sein Avatr prima aufrecht erhalten.
      und warum man trotzdem sich in die Gefahr begibt und mit jemandem persönlich Essen geht…..? Vermutlich um nicht allein zu sein. Das Netz macht doch einsam, oder nicht?

      • Thomas
        | Antworten

        Hallo Marion,

        vielen Dank für deinen Kommentar.

        Ich bin etwas zwiegespalten zu „hinter seinen Mauern austoben“. Auf der einen Seite hast Du recht, auf der anderen wenn ich an „Shitstorms“ denke können Dir in der virtuellen Welt deutlich mehr Leute die Meinung sagen oder „grob“ sein, als es im realen Leben von Angesicht zu Angesicht der Fall sein würde. Da hat keine Mauer bestand.

        Ob das Netz einsam macht kann ich konkret nicht sagen. Denn auf der einen Seite kann man mit hunderten/tausenden Leuten Kontakt haben, „befreundet“ sein, auf der anderen Seite sind von diesen Leuten die wenigstens im realen Leben greifbar. Ständig kann man virtuell am Leben anderer teilhaben, sieht was sie gemacht haben, etc.

        Ergänzend zu meinen im Artikel beschriebenen Beobachtungen saß heute morgen beim Frühstück neben uns ein älteres Ehepaar, bei dem der Mann während dem Frühstück nur vorm Laptop gehangen hat. Zwei Abende zuvor saß eine Mutter mit ihren 3 Töchtern beim Abendessen und alle haben nur am Smartphone gedaddelt.

        Ich bin gespannt auf die Deutsche Gesellschaft, denn bevor wir zu unserer Weltreise aufbrachen habe ich solches verhalten in Restaurants, Cafes, etc. nicht beobachtet.

        Viele Grüße

        Thomas

  4. Thomas
    | Antworten

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    Wenn man bereits von Kindesbeinen an damit ruhig gestellt wird braucht man sich über die späteren Gebaren bei Tische eigentlich nicht mehr wundern …

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